Ein Tag im Leben von Hanya Yanagihara

Protokoll, April 2017, Das Magazin

«Ich war fünfzehn, als mir das erste Mal bewusst wurde, dass Freundschaften von Männern anders funktionieren als Freundschaften von Frauen. Zu dieser Zeit hatte ich zwei gute männliche Freunde. Wir wuchsen in den USA auf und arbeiteten zusammen in der Schülerzeitung – und da gab es diese Momente. Plötzlich rannte der eine auf den anderen zu und sprang ihn an, rang ihn zu Boden. Vollkörperkontakt. Eine welpenhafte Verspieltheit umgab sie –zärtlich und brutal. Wir alle sahen zu und lachten und klatschten. Da wurde mir klar: Eigentlich liebten sie sich. Der Körperkontakt war nur eine hilflose Form, um ihre Zuneigung auszudrücken.

Auf diese Erkenntnis baut mein Buch «Ein wenig Leben». Es zeichnet die Freundschaften von vier Männern nach und zeigt, wohin es führt, wenn Männer ihre Gefühle nicht richtig ausdrücken können: zu langen Leidenswegen.

Manchmal werde ich gefragt, ob das Buch anders herausgekommen wäre, hätte ich über vier Frauen geschrieben. Ich sage immer: Es wäre nur ein Drittel so lang. Frauen würden die Probleme ausdiskutieren, statt sie in sich hineinzufressen, wie mein Protagonist Jude es tut. Sein Leidensweg wäre dann viel kürzer.

Es ist nicht so, dass Frauen ständig über ihre Ängste, ihre Schmerzen, ihre Scham reden. Aber sie tun es. Und im Gegensatz zu vielen Männern denken sie nicht, dass dies ihrer Weiblichkeit schadet. Unsere Gesellschaft hat sehr enge Kriterien dafür, was ein «richtiger» Mann ist. Wir Frauen, denke ich, haben da mehr Spielraum.

Frauen lesen bekanntlich mehr als Männer. Trotzdem bekomme ich mehr Briefe und E-Mails von Männern. Viele davon sind Geständnisse über Dinge, die ihnen passiert sind und von denen sie nie wussten, wie sie darüber reden konnten. Etwas im Buch scheint das in ihnen aufzubrechen. Es gibt aber regionale Unterschiede. Im deutschsprachigen Raum waren die Besucher meiner Lesungen bisher gleich viele Männer wie Frauen. In Australien hingegen waren es fast ausschliesslich Frauen.

Es freut mich, dass mein Buch inzwischen als «Great Gay Novel», als «Grosser Schwulenroman», gilt. Dabei habe ich es selbst nie so gesehen. Ohne zu viel verraten zu wollen: In einem Teil des Buches werden Jude und sein bester Freund Willem ein Paar, und als Willem dann von jemand anderem gefragt wird, ob er jetzt in einer Beziehung mit einem Mann lebe, sagt er bloss: Ich lebe nicht in einer Beziehung mit einem Mann, ich lebe in einer Beziehung mit Jude. Aber Leser dürfen das Buch ganz unterschiedlich interpretieren.

Die Freundschaft zwischen Jude und Willem ist eine Romanze. Bei vielen Freundschaften ist es so. Beide suchen ineinander ein Gefühl, das tiefer geht als die blosse Bezeichnung «Freund». Und das ist auch das Schöne an einer Freundschaft. Es gibt keine Restriktionen, keine Regeln. Sie kann sein, was immer die beiden beteiligten Freunde wollen, dass sie ist. Damit ist sie die liberalste und freieste Beziehung, die wir haben können.

Mein bester Freund ist auch ein Mann. Einer, der sich ausdrücken kann. Wir reden viel und lange, auch über unsere Freundschaft. Wenn ich unterwegs bin, telefonieren wir nicht oft, aber wir schreiben uns täglich jeweils eine lange E-Mail. Eine sehr viktorianische Art zu kommunizieren, ich weiss. Ich habe nicht mal ein Smartphone. Wozu? Whatsapp habe ich nicht, und es gibt auch keine Notfälle, auf die ich sofort reagieren müsste. In den Neunzigerjahren hatte ich mal ein altes Nokia, aber ich benutzte es nur, um Leute anzurufen, wenn ich zu spät dran war. Jetzt komme ich einfach pünktlich.»