Die Putzfische der Alpen

Reportage, Sommer 2015, Transhelvetica

Diese Gipfel! Diese Weite! Dieses Düftchen! Die orangen Heinzelmännchen sorgen im Oberwallis für Sauberkeit – auf der wohl schönsten Güsel-Route der Schweiz.

Als morgens kurz nach sechs der Camion die Garage verlässt und auf die Hauptstrasse einbiegt, schlafen die Riesen noch. Das ganze Fieschertal schlummert unter der Decke einer kompakten Nebelschicht und zu hören ist nichts als ein leiser Wind und das dumpfe Wummern des Kraftwagens. Der Camion verschwindet immer tiefer im Tal, vorbei an so wohlklingenden Orten wie Geschinen und Ulrichen und Obergstein, bis sich irgendwann der Nebel lüftet wie ein seidener Vorhang. Langsam warden die schlafenden Riesen von den ersten Sonnenstrahlen geweckt, bis sie im selben Orange erleuchten wie der Camion und seine Passagiere. Sven, der Chauffeur, Sven der Beifahrer, und Steven, der wortkarge Assistant, sind mit ihrem Mercedes Actros unterwegs auf einer Mission: Den Kehricht des ganzen Tals einzusammeln. Und das möglichst unauffällig.

Die nord-östlichste Ecke des Wallis befahren wir heute und passieren eine Bergwelt, für deren Ansicht andere aus der ganzen Welt angereist kommen. Auf der einen Seite schiessen Risi-, Fire- oder Sidelhorn steil empor und halten den Aletschgletscher zurück, gegenüber bilden die Saashörner und die ersten Tessiner Spitzen eine imposante Wand. Und am Ende des Gletscher Tals thronen das Klein und das Gross Furkahorn und wachen über den seitlich abfallenden Auslauf des Rhonegletschers. Kantig und vernarbt sehen sie aus, die Felswände und Gipfel, wie die grobporigen Körperteile von Riesen.

Von aussen sieht der Camion aus wie ein kleines Ungetüm. Ein eckiger, oranger Käfer mit einem riesigen Auge und einem Panzer auf dem Rücken, den er mit Hydraulik-Armen bewegen kann. Wenn er bergaufwärts beschleunigt, stöhnt er in tiefen Tönen, beim Rückwärtsfahren gibt er ein helles Fiepen von sich. Von innen ist der Camion das perfekte Tour-Mobil: Panorama-Scheiben und weiche Sessel, dazu ist rund um das Fahrzeug ein kompliziertes Konstrukt aus Spiegel und Kameras befestigt, das fast eine 360 Grad Sicht auf die Umgebung ermöglicht. Am Steuer sitzt Sven, 23, eigentlich Student der Wirtschaftsinformatik, doch seit Jahren verbringt er seine Ferien als Müllmann: «Es ist ein toller Job. So lernt man das ganze Wallis kennen. Orte, von denen man selbst als Einheimischer nicht wusste, dass es sie gibt.» Und im Sommer sei es jeweils besonders entspannt: Es ist die einzige Zeit, in der hier kein Schnee liegt. Nur an besonders heissen Tagen wird es unangenehm. Dann nämlich sind die vollen Mülltonnen erhitzt und die Fracht wird zu stinkendem Sondermüll, der hinter dem Wagen ein nach Müll riechendes Düftchen herzieht. Im Winter kann es auch mal –26 Grad Celsius werden und einen Meter schneien – die Jungs von der Müllabfuhr kommen bei jeder Witterung.

Plötzlich bricht die Musik ab und das Radio muss neues Signal suchen. Immer wieder passiert das. Manchmal empfangen sie bloss Sender mit italienischen Klassikern. Manchmal Walliser Lokalradio. «Eigentlich haben wir eigene CDs dabei» sagt Sven (27), der Beifahrer, «aber dieser Camion gehört einem Kollegen, und der hört nur Schlager.»

Es weht ein eisiger Wind, als unser Camion Richtung Furkapass fährt. Noch sind kaum Autos auf der Strasse, nur ab und zu ist ein Einheimischer auf dem Weg zur Arbeit. Nebelschwaden ziehen sich den Felsen entlang wie Schlangen auf dem Weg in den Süden. Auf den Grasflächen zwischen den langgezogenen Kurven tummeln sich Schwarznasenschafe mit dicken Pelzen. Ab und zu wird am Strassenrand auf den Verkauf von lokal-produziertem Alpkäse oder Schafziger hingewiesen. Das Gleis der alten Furka-Dampfbahn-Route führt am Fluss entlang ins Nirgendwo.

Reminiszenzen aus der Zeit, als die Strecke noch der einzige Weg für Durchreisende war. Goethe war mehrfach hier unterwegs und wähnte sich, wie er in «Briefe aus der Schweiz» schrieb, «in der ödesten Gegend der Welt, und in einer ungeheuren einförmigen schneebedeckten Gebirgs-Wüste, wo man rückwärts und vorwärts auf drei Stunden keine lebendige Seele weiß, wo man auf beiden Seiten die weiten Tiefen verschlungener Gebirge hat.»

Dieses Bild der kargen, monumentalen Natur wird bis heute gepflegt. Von kleinen Heinzelmännchen in orangen Gewändern, bezahlt von Gemeinden und Kanton. Sie mähen den Rasen zwischen den engen Kurven. Forsten, sprengen, pflegen, was das Zeug hält, um den Schein der unberührten Natur zu wahren. Die Müllmänner kommen hier nur alle zwei Wochen vorbei und leeren die einzelnen Container am Wegrand. Ausser in den Hochsaisons. Wenn die Touristen besonders viel Abfall produzieren, müssen sie manchmal Sonderfahrten machen. Sie sind die Putzfische dieses Bergbiotops.

Auf dem Pass steht das Hotel «Belvedere», auf 2277 Metern über Meer, früher Leuchtturm und Hafen ausgelaugter Reisender, heute machen hier Gletschergänger und Panorama-Aficionados einen Zwischenhalt.

Plötzlich kommt Unruhe auf. Von Andermatt her kommen Radfahrer mit Startnummern über den Furkapass geflogen und legen sich in die Kurven, dicht gefolgt von Safety-Motorrädern und Mannschaftswagen. Sie fahren die Haute Route, von Venedig nach Genf, „«das härteste Velorennen der Welt». Es ist nur eine von vielen Touren, die über den Furka, den Grimsel, den Nufenen führen. Daneben gibt es auch Paragliding-Wettrennen oder Oldtimer-Routen. Die Alpen, sie sind inzwischen Erholungsgebiet und opulente Kulisse geworden. «An das Panorama gewöhnt man sich irgendwann.» sagt Sven, der Beifahrer. «Am Anfang haben wir noch das Handy gezückt und Photos gemacht. Heute reizt eher die Strasse: Die Strecken, die spannend zu fahren sind.»

Dabei bedarf es voller Konzentration. Die Strassen sind eng und die Kurven noch enger. Für die Fahrer ist es Zentimeterhandwerk. Hinzu kommt die Unsicherheit der Touristen. Wagen, die zu schnell in die Kurven schiessen oder riskant überholen, sind an der Tagesordnung. Ein Van voller Frauen mit Kopftüchern fährt besonders langsam um die Kurven vom Belvedere nach Gletsch, damit die Passagiere Fotos machen können. Ein Wagen von verirrten Asiaten hält ständig am Strassenrand an, um nach dem Weg zu fragen. Ein niederländisches Auto steht mit offener Haube auf der Seite.

Auf dem Grimselpass, ist plötzlich die Nebelwand zurück. Wie ein chloroformgetränkter Wattebausch hüllt sie den Camion ein, beduselt Augen und Gehirn. Waren da noch Berge? Wo ist der See? Das Thermometer zeigt drei Grad und die Svens ziehen hastig an ihren Zigaretten, während sie die Container zum Camion schieben, der den Inhalt wie ein gieriger Roboter in sich hineinkippt. Schlotternd machen wir kehrt, direkt an der Kantonsgrenze zu Bern.

Bei Oberwald kehren wir zum Znüni in einer Beiz ein. «Salü!» grüsst die Kellnerin. Jeder grüsst hier jeden. «Wir alle kommen aus der Gegend und fühlen uns verbunden.» sagt Sven, der Fahrer. «Man spürt eine starke Wertschätzung der Einheimischen für unsere Arbeit.» Manchmal würden die Anwohner eine Weinflasche mit Dankeskärtchen bei den Containern hinterlassen, ab und zu eine Schachtel Pralinen. Und auf einer Route, da erwarte sie jedes Mal eine Tüte mit frischen Sandwichs. Auch in dieser Beiz: Als die Jungs von Kaffee und Salami-Brötchen gestärkt aufstehen, müssen sie selbstverständlich nichts bezahlen. «Das war schon immer so» sagt die Besitzerin und klopft Sven, dem Beifahrer, auf die Schulter.

Danach geht es dem Flachmoor entlang in die kleineren Dörfer, Grafschaft, Gluringen, vorbei an morschen Chalets und in der Einsamkeit verkümmernden Hotels. Hier lebt die Mehrheit der Bewohner in idyllischer Ruhe. «Alle, die hier aufwachsen, kommen irgendwann wieder zurück.» sagt Sven, der Chauffeur. Die anderen nicken. Einmal Oberwalliser, immer Oberwalliser.

Schon bald ist die Arbeit getan. Die drei Jungs schwingen sich wieder in ihre Sessel und grüssen mit den Händen, dann wummern sie los, der Sonne entgegen. Innert Minuten hat sie das Panorama geschluckt und zu sehen ist nichts mehr als die schroffen Wände der Bergriesen und ein kleiner, oranger Punkt, der sich seinen Weg bahnt.

Photos von Matteo Gariglio.